Ihr Lieben – ich mache es kurz und schmerzlos. Thomas hat sich entschieden, seine Expedition abzubrechen. Da ich ihn leider seit ein paar Tagen nicht mehr gesprochen habe, hier einfach kommentarlos sein letztes Email – das leider erst heute bei mir gelandet ist. Darin beschreibt er die Gründe für die Aufgabe, seine Gefühle und eine wirklich haarsträubende Situation:
“Hallo Andrea,
gestern war Muttertag – nach zwei harten Bergtagen davor Ruhetag für mich. Der Wetterbericht war eh schlecht (Neuschnee war angesagt, wieder einmal) und so lag ich ruhelos herum, gar nicht müde, und bei schönstem Wetter. Der Wetterbericht ist auch aus der Schweiz sehr ungenau. Aber wenn man immer über 6.400m ist soll man mehr rasten als in tieferen Lagen, also rastete ich unruhig. Im Zelt ist es so heiß, dass man es kaum aushält, draußen muss man sofort in die Daunenjacke, und kaum ist die Sonne weg, muss man sich beim Lesen im Schlafsack die Handschuhe anziehen, wenn man ein Buch halten will…

Der gefürchtete Jetstream über dem Everest…
Zwei Mal war ich nun schon in der Wand und hatte bei den herrschenden Verhältnissen jedes Mal die Hose gestrichen voll: von den regelmäßigen, wenn auch nie sehr intensiven Schneefällen (ca. 10-15 cm) hatte sich in meiner Wand einiges an Pulverschnee angesammelt, nicht sehr spektakulär, aber bei mehr als 1000 Höhenmeter kommen doch halbwegs wuchtige Lawinen bzw. Schneerutsche zusammen. Das sieht man auf diesen 3 Fotos gut. Diese Lawinen suchen sich, so wie ich, den leichtesten Weg, nämlich die Rinnen.

Lawinenspuren in den Rinnen – davor der kleine Thomas
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Close-up – deutliche Lawinenspuren in der Wand
Da klettere ich also und denke jede Sekunde: wird schon nichts daher kommen. Das ist natürlich nicht so günstig. Auf den Felsplatten liegen Schneereste, sodass man die kleinen Vorsprünge nicht sieht, wie dick das Eis ist auf den Felsen sieht man auch nicht. Man zittert sich wie auf rohen Eiern hoch und kommt nur zentimeterweise weiter in einer vorerst 1000 Meter Wand. Das ist alles andere als ideal, sehr kräfte- und nervenraubend. Es hat nur den einen Vorteil, dass der Puls bei geringem Tempo auch in fast 7000m nicht sehr in die Höhe kommt.

Ein Lawinenkegel unter der Nordwand
Heute, 14.5., 2.45, bei ca. 20-25° minus:
Es ist wieder einmal mein Geburtstag. Sowie der meiner Frau. Sherpa Nima und ich würgen lustlos und schlotternd Pfannkuchen und Kakao hinunter und gehen in einer eisigen Nacht (hell wird es gegen 5) auf den Gletscher hinauf Richtung Einstieg. Meine Hoffnung, dass die Muttertagssonne ein wenig Schnee geschmolzen hat in der Wand, hat sich in keiner Weise erfüllt. Die Luft ist viel zu kalt, der Winkel, mit dem die hier im Zenit stehende Sonne in die Wand trifft zu steil.
Es wird gerade hell, ein dringendes, auch bei dieser Kälte (es weht zusätzlich ein leichter Wind) nicht aufzuschiebendes Geschäft hält mich eine Weile auf. Dann gehe ich Nima nach, der die Spur macht, und plötzlich ist er weg, keine 30 m vor mir. Vor lauter Sorgen um die Kälte, meine Kletterei und die schlechten Verhältnisse kapiere ich erst gar nicht, was los ist: Nima ist eine Gletscherspalte gefallen.
Er hat meine Steigeisen und Pickel, ich habe kein Seil. Nichts, um ihm vielleicht zu helfen. Ich schreie, aber keine Antwort… Es sind lange 10-15 Minuten, bis er aus einer, wie er sagt, 10 m tiefen Spalte heraus klettert – mit meinen Eisgeräten. Während ich mich noch erleichtert über meinen Nima freue, prasselt es plötzlich über uns, und ein erneuerter Schneerutsch (im Lawinenkegel Oberschenkel tief) geht genau über die von mir geplante Route ab. Wäre Nima nicht in die Spalte gestürzt (und ich nicht vorher auf dem Klo gewesen) wäre ich sicher schon an die 100m in der Wand gewesen…

Thomas vor der Nordwand – zum Glück ist er nicht eingestiegen!
Dicke Nebel ziehen auf. Es ist SEHR kalt. Wir kehren um. Unter diesen Umständen und Verhältnissen hat das Klettern auf den Mount Everest keinen Sinn. Während ich hier schreibe schneit es am Berg. Für den 17.5. sind starke Schneefälle angesagt. In 6.400m auf gute Verhältnisse zu warten, die sich frühestens, wenn alles optimal läuft, gegen den 20.Mai einstellen könnten, ist zu kraftraubend, körperlich und geistig.
Ich kann ja nichts tun dort oben. Vom Einstieg der Wand bis ins 5.400m Basislager sind es, wie vorher schon einmal beschrieben, an die 50km. Rauf, runter, das hat alles keinen Sinn. Ich breche die Expedition ab. Ein bekannter deutscher Expeditionsbergsteiger aus dem Allgäu (ich habe unser Gespräch auf Video) hat mich gestern angesprochen: was ich denn hier will, denn schließlich will ich sicher nicht den Normalweg gehen, sondern in die Wand..! Und die kannst Du doch zurzeit vergessen…
Ich rufe später an, Thomas“
Mir ist kurz das Herz stehen geblieben, als ich sein Email gelesen habe. Und aufgrund der Verhältnisse, die seine Bilder ja auch eindrucksvoll widerspiegeln, kann ich seine Entscheidung absolut nachvollziehen. Wie mehrfach gesagt – seine Sicherheit geht einfach vor. Ich hoffe, er meldet sich bald bei mir – denn ich würde gerne wissen, ob es ihm gut geht.
Vielleicht können wir ihn auch zu einem Vortrag für die Blog-Leser überreden – damit er uns persönlich noch mal seine Erlebnisse und Gefühle schildern kann. Sobald er sich telefonisch meldet, gebe ich Bescheid.

Hallo Thomas,
der Everst steht auch noch nächstes Jahr und “Abenteuer” heisst auch sicher zurück nach Hause zu kommen! In diesem Sinne: gute und vor allem richtige Entscheidung! Wünsche Dir alles Gute für Deine Heimreise und somit bleibt ein Traum mehr, den Du Dir noch erfüllen kannst.
Viele Grüße aus München und eine schöne Zeit.
Diese Bilder lehren einen das Fürchten – und ich kann Thomas nur beglückwünschen zu seiner Entscheidung.
Hallo Thomas,
wir gratulieren Ihnen zu Ihrem Entschluß und wünschen eine
schöne Heimkehr zu Ihrer liebenswerten Familie.
Nachträglich herzlichen Glückwünsch Ihnen und Ihrer Frau Christine zum Geburtstag
servas thomas,
gute entscheidung,komm gut nach hause.
sehen uns in fusch.
franz
servas thomas,
gute entscheidung,komm gut heim.
sehen uns in fusch.
grüsse franz
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